Ausbilder und Betreuer des Auszubildenden – wer trägt Verantwortung für die Qualität der praktischen Ausbildung?

Eine gute praktische Berufsausbildung besteht nicht nur darin, dass ein junger Mensch Zeit in einem Unternehmen verbringt. Der bloße Kontakt mit Werkstatt, Maschinen, Werkzeugen oder alltäglichen Aufgaben reicht nicht aus, damit tatsächlich berufliche Kompetenzen entstehen. Es braucht eine Person, die zeigt, wie die Arbeit ausgeführt wird, einzelne Schritte erklärt, auf die Sicherheit achtet, die Fortschritte beobachtet und dem Auszubildenden schrittweise mehr Selbstständigkeit ermöglicht. Im Unternehmen übernimmt diese Rolle – je nach Organisation und Form der praktischen Ausbildung – ein Ausbilder, Ausbildungsmeister oder Betreuer des Auszubildenden. Von der Qualität der täglichen Zusammenarbeit zwischen dem jungen Menschen und einer erfahrenen Fachkraft hängt in hohem Maße ab, ob der Aufenthalt im Unternehmen zu einem echten Lernprozess wird. Eine gute Betreuungsperson zeigt nicht nur, was zu tun ist, sondern hilft auch zu verstehen, warum eine Tätigkeit auf eine bestimmte Weise ausgeführt wird.

Ein guter Ausbilder ist mehr als nur eine erfahrene Fachkraft

Hohe berufliche Kompetenz ist eine wichtige Grundlage. Fachwissen allein reicht jedoch nicht aus, um andere gut auszubilden. Eine erfahrene Fachkraft führt viele Tätigkeiten nahezu automatisch aus. Für einen Auszubildenden, der den Beruf erst kennenlernt, kann selbst eine scheinbar einfache Aufgabe aus vielen neuen Einzelschritten bestehen. Die Rolle des Ausbilders besteht deshalb auch darin, die eigene Erfahrung so weiterzugeben, dass sie für einen Anfänger verständlich wird. Ein guter Ausbilder kann:

  • die richtige Ausführung einer Aufgabe zeigen;
  • komplexere Tätigkeiten in verständliche Schritte aufteilen;
  • den Sinn einer Aufgabe erklären;
  • den Schwierigkeitsgrad an den Erfahrungsstand des Auszubildenden anpassen;
  • Fortschritte und Schwierigkeiten erkennen;
  • dazu ermutigen, Fragen zu stellen;
  • den jungen Menschen schrittweise auf selbstständiges Arbeiten vorbereiten.

Dafür sind neben fachlichem Wissen auch Geduld, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein erforderlich.

Zuerst zeigen, dann Selbstständigkeit ermöglichen

Eine der wichtigsten Aufgaben des Betreuers besteht darin, den Auszubildenden angemessen an neue berufliche Tätigkeiten heranzuführen. Ein junger Mensch sollte nicht sofort eine Aufgabe mit der Anweisung erhalten: „Mach das allein.“ Wesentlich sinnvoller ist ein schrittweiser Lernprozess: 

Erklärung → Vorführung → Ausführung unter Aufsicht → Besprechung des Ergebnisses → erneuter Versuch → zunehmende Selbstständigkeit.

Auf diese Weise kann der Auszubildende nicht nur die einzelnen Arbeitsschritte einprägen, sondern auch ihren Sinn verstehen. Der Ausbilder kann während der Arbeit erklären, warum ein bestimmtes Werkzeug verwendet wird, wie die Qualität eines Materials beurteilt wird, auf welche typischen Fehler zu achten ist und woran man erkennt, dass eine Aufgabe richtig ausgeführt wurde. So wird praktisches Wissen, das eine Fachkraft über viele Jahre erworben hat, bewusst an die nächste Generation weitergegeben.

Der Betreuer trägt auch Verantwortung für sicheres Lernen

Ein Auszubildender lernt die Arbeitsumgebung erst kennen. Er kennt noch nicht alle möglichen Gefahren und kann Risiken möglicherweise nicht so gut einschätzen wie eine erfahrene Fachkraft. Deshalb gehört es zu den besonders wichtigen Aufgaben der Person, die die praktische Berufsausbildung begleitet, auf eine sichere Durchführung der Tätigkeiten zu achten. Bevor eine neue Aufgabe beginnt, sollte der Auszubildende wissen:

  • wie der Arbeitsplatz richtig vorbereitet wird;
  • welche Werkzeuge verwendet werden dürfen;
  • wann eine Aufsicht erforderlich ist;
  • welche Schutzausrüstung benutzt werden muss;
  • welche Tätigkeiten nicht selbstständig ausgeführt werden dürfen;
  • wem ein Problem oder eine mögliche Gefahr gemeldet werden soll.

Ein Ausbilder oder Betreuer sollte nicht davon ausgehen, dass der junge Mensch „das bestimmt schon weiß“. Sicherheit ist ein Bestandteil der Berufsausbildung und muss genauso wie andere Fähigkeiten konsequent vermittelt werden.

Eine gute Betreuungsperson nimmt dem Auszubildenden nicht alles ab

Unterstützung bedeutet nicht, alle Aufgaben für den jungen Menschen zu übernehmen. Das Ziel der praktischen Berufsausbildung besteht darin, den Auszubildenden schrittweise zu selbstständigem Arbeiten zu befähigen. Die Betreuungsperson sollte deshalb erkennen können, wann Hilfe notwendig ist und wann der Auszubildende selbst einen Versuch unternehmen sollte. Am Anfang können einzelne Arbeitsschritte ausführlich gezeigt werden. Mit zunehmender Erfahrung sollte die Unterstützung schrittweise reduziert werden. Der Auszubildende beginnt dann, seinen Arbeitsplatz selbst vorzubereiten, geeignete Werkzeuge auszuwählen, die Reihenfolge der Arbeitsschritte zu planen und das Ergebnis seiner eigenen Arbeit zu beurteilen. Die Aufgabe des Ausbilders bleibt es, diesen Prozess zu beobachten und einzugreifen, wenn ein Risiko, ein schwerwiegender Fehler oder eine Situation entsteht, die zusätzliche Erklärung erfordert. Diese schrittweise entwickelte Selbstständigkeit stärkt nicht nur die fachlichen Fähigkeiten, sondern auch Verantwortungsbewusstsein und Selbstvertrauen.

Feedback ist ein Teil des Lernprozesses

Der Auszubildende muss wissen, ob er sich in die richtige Richtung entwickelt. Deshalb gehört regelmäßiges Feedback zu den wichtigsten Aufgaben der Betreuungsperson. Rückmeldungen sollten nicht ausschließlich dann erfolgen, wenn etwas falsch gemacht wurde. Auch Fortschritte sollten wahrgenommen werden:

„Diesmal hast du den Arbeitsplatz gut vorbereitet.“

„Diesen Arbeitsschritt hast du deutlich genauer ausgeführt als beim letzten Mal.“

„Den nächsten Teil kannst du jetzt selbstständig ausprobieren.“

Wenn ein Fehler auftritt, sollte konkret erklärt werden, was verbessert werden muss und warum. Statt einer allgemeinen Aussage wie:

„Das hast du falsch gemacht.“

ist eine konkrete Rückmeldung hilfreicher:

„Dieser Arbeitsschritt erfordert noch etwas mehr Genauigkeit. Schauen wir uns noch einmal an, worauf du dabei achten musst.“

So wird ein Fehler zu einem Bestandteil des Lernprozesses und nicht nur zu einem Anlass für eine negative Bewertung.

Auszubildende sollten Fragen stellen können

Eine gute Betreuungsperson schafft Bedingungen, in denen Fragen nicht als Störung der Arbeit betrachtet werden. Wenn ein Auszubildender keine Fragen stellt, bedeutet das nicht automatisch, dass er alles verstanden hat. Vielleicht hat er Angst vor der Reaktion erfahrener Beschäftigter oder möchte nicht zeigen, dass ihm etwas noch nicht klar ist. Deshalb sollte von Anfang an deutlich gesagt werden:

„Wenn du dir nicht sicher bist, frag nach.“

Gerade in der praktischen Berufsausbildung ist das besonders wichtig. Eine Frage vor der Ausführung einer Tätigkeit kann einen Fehler, eine Beschädigung des Materials oder sogar eine gefährliche Situation verhindern. Gleichzeitig kann der Betreuer den jungen Menschen schrittweise dazu ermutigen, selbst nach Lösungen zu suchen. Statt sofort eine Antwort zu geben, kann er beispielsweise fragen „Was denkst du, wie sollten wir in dieser Situation vorgehen?“ Das ist eine einfache Möglichkeit, selbstständiges Denken zu fördern.

Der Ausbilder vermittelt auch berufliche Kultur

Berufsausbildung beschränkt sich nicht auf technische Kompetenzen. Der Auszubildende beobachtet auch, wie erfahrene Beschäftigte arbeiten. Von ihnen lernt er Pünktlichkeit, Organisation des Arbeitsplatzes, Verantwortung für Qualität, Kommunikation im Team und den Umgang mit Kunden. In diesem Sinne wird der Ausbilder oder Betreuer auch zu einem Vorbild für berufliches Verhalten. Es ist schwer, von einem jungen Menschen die Einhaltung bestimmter Regeln zu erwarten, wenn diejenigen, von denen er lernen soll, diese selbst nicht beachten. Gerade das tägliche Verhalten zeigt dem Auszubildenden, was Professionalität in einem bestimmten Beruf tatsächlich bedeutet.

Die Zusammenarbeit mit Unternehmen und Schule ist wichtig

Für die Qualität der praktischen Berufsausbildung ist nicht nur eine einzelne Person verantwortlich. Der Ausbilder oder Betreuer spielt zwar eine besonders wichtige Rolle im täglichen Kontakt mit dem Auszubildenden, braucht aber auch die Unterstützung des gesamten Unternehmens. Der Betrieb sollte geeignete Bedingungen für die Ausbildung schaffen, Aufgaben sinnvoll organisieren und berücksichtigen, dass die Arbeit mit jungen Menschen Zeit benötigt. Ebenso wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Schule. Wenn Schwierigkeiten auftreten, sich unterschiedliche Lernfortschritte zeigen oder zusätzliche Unterstützung notwendig wird, ermöglicht ein regelmäßiger Austausch zwischen Unternehmen und Schule eine schnellere Reaktion. Eine gute duale Ausbildung beruht auf dem Zusammenwirken verschiedener Beteiligter: des Auszubildenden, des Unternehmens, der ausbildenden Person und der Schule. Alle haben unterschiedliche Aufgaben, verfolgen aber ein gemeinsames Ziel: die Entwicklung tatsächlicher beruflicher Kompetenzen des jungen Menschen.

Auch der Auszubildende trägt Verantwortung für seinen Lernprozess

Ein guter Ausbilder kann geeignete Bedingungen für die Entwicklung schaffen, aber er kann das Engagement des Auszubildenden nicht ersetzen. Der junge Mensch sollte schrittweise Verantwortung für den eigenen Lernprozess übernehmen: Anweisungen aufmerksam zuhören, Regeln einhalten, Fragen stellen, Feedback annehmen und versuchen, aus Fehlern zu lernen. Ebenso wichtig sind Pünktlichkeit, Vorbereitung auf die Arbeit und ein respektvoller Umgang mit anderen. Praktische Berufsausbildung funktioniert am besten, wenn beide Seiten engagiert sind: Der Ausbilder möchte Wissen und Erfahrung weitergeben, und der Auszubildende möchte daraus lernen.

Ein guter Ausbilder bildet zukünftige Fachkräfte aus

Die Rolle eines Ausbilders oder Betreuers geht weit über die Kontrolle einzelner Aufgaben hinaus. Er begleitet den jungen Menschen auf dem Weg von den ersten Versuchen zu immer größerer Selbstständigkeit. Er zeigt berufliche Standards, vermittelt Verantwortungsbewusstsein, korrigiert Fehler und gibt Erfahrungen weiter, die nicht allein aus einem Lehrbuch gewonnen werden können. Ein guter Betreuer erwartet nicht, dass ein Auszubildender von Anfang an alles kann. Gleichzeitig lässt er ihn nicht dauerhaft nur die einfachsten Tätigkeiten ausführen. Seine Aufgabe besteht darin, einen Lernweg zu gestalten, auf dem der junge Mensch mit jeder Woche und jedem Monat mehr Fähigkeiten entwickelt, seine Arbeit besser versteht und zunehmend Verantwortung dafür übernimmt. Gerade deshalb ist die Beziehung zwischen Ausbilder und Auszubildendem eines der wichtigsten Elemente einer qualitativ guten praktischen Berufsausbildung.

InterCraft unterstützt Unternehmen und Personen, die junge Menschen ausbilden

Im Rahmen des Projekts „Lernen und Arbeiten im Handwerk – Weiterentwicklung der dualen Ausbildung“ werden Lösungen und Materialien entwickelt, die Unternehmen, Auszubildende und Schulen bei der praktischen Berufsausbildung unterstützen. Zu den geplanten Ergebnissen gehört ein Handbuch für Unternehmen, das ausführlicher auf die Vorbereitung eines Betriebs auf die Ausbildung junger Menschen, die Organisation des Lernprozesses, die Rolle der ausbildenden Person sowie die Zusammenarbeit mit dem Auszubildenden und der Schule eingehen wird. Die Materialien von InterCraft sollen dazu beitragen, Bedingungen zu schaffen, unter denen ein Unternehmen nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern auch ein tatsächlicher Lernort für den Erwerb beruflicher Kompetenzen wird.

Ein guter Ausbilder zeigt nicht nur, wie eine Aufgabe ausgeführt wird. Er hilft dem Auszubildenden, den Beruf zu verstehen, und bereitet ihn Schritt für Schritt auf selbstständiges Arbeiten vor.

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